Weihnachten

 

Michael und die Doppeloma
 
„Guten Morgen, Oma! Wir müssen jetzt aufstehen!“
Frau Elisabeth Hertel nickt und lässt sich von der Krankenschwester aus dem Bett helfen. Die alte Frau weiß, dass es Schwester Berta gut meint, dennoch wäre es der Achtzigjährigen lieber, würde sie mit Frau Hertel oder Frau Elisabeth angesprochen werden. Das übrige Altenheimpersonal hält das auch so, nur Schwester Berta ist wohl der Meinung, Oma klänge persönlicher.
Doch bei diesem Wort verspürt die alten Frau jedes Mal einen kleinen Stich in der Herzgegend.
Die Schwester hilft der weißhaarigen Frau fürsorglich beim Waschen und Ankleiden. Dann macht sie schnell und gekonnt das Bett. Frau Hertel betrachtet inzwischen ein Foto im schlichten Holzrahmen, das auf dem Nachttisch steht.  Es zeigt ein lachendes Paar in mittleren Jahren und zwei junge Mädchen mit dunklen Locken.
Wie so oft wandern ihre Gedanken mit einem wehmütigen Lächeln zurück in vergangene Zeiten.
„So, das wär’s, Oma, jetzt fahren wir frühstücken!“ Die alte Dame wird aus ihren Gedanken gerissen. „Heute kommt übrigens ein junger Mann in unser Haus“, plaudert die Schwester weiter und schiebt die Frau im Rollstuhl in Richtung Frühstücksraum. „Ein Student will bis Weihnachten hier ehrenamtlich Besuchsdienst machen!“ „So, so“, meint Frau Hertel nur.
Der lange Tisch in dem großen hellen Raum ist weihnachtlich geschmückt. In der Mitte steht ein Adventkranz, auf dem eine der vier dicken, roten Kerzen brennt. Nach und nach kommen Männer und Frauen und setzen sich auf ihre Plätze. Elisabeth Hertel kennt alle, denn sie lebt schon sehr lange im „Haus Abendsonne“.
Der Nebel des trüben Dezembertages will sich heute gar nicht heben. Frau Hertel möchte diesen Tag am liebsten verschlafen, doch die Betreuerin hat sie in den Aufenthaltsraum geschoben. Der Fernseher in der Ecke ist eingeschaltet. Aber keiner der alten Leute, die in den Sesseln sitzen, schaut auf den Bildschirm.   
„Frau Hertel, Besuch ist für Sie da!“ Ungläubig hebt die Frau den Kopf. Sie bekommt doch nie Besuch! Vor ihr steht ein schlanker, junger Mann mit einer randlosen Brille auf der Nase.
Sein langes Haar trägt er im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Ach, das wird dieser Student sein, denkt Frau Hertel und muss lächeln. Der wird bald genug haben von uns Alten hier…