Lied in Moll

 Ein Lied in Moll


Glasklar drang es in ihr Bewusstsein, dass niemand ihr würde helfen können. Sie war tatsächlich allein!
Von einer Sekunde zur anderen kam diese Erkenntnis und versetzte sie in Erstaunen. Gleichzeitig überflutete sie eine eigenartige Ruhe, die sich wellenartig bis in die kleinste Zelle fortpflanzte. Plötzlich sah sie mit einer inneren Klarheit, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt eine jahrelange Sehnsucht nach Beständigkeit und Harmonie in sich getragen hatte. Eine Sehnsucht, deren Nichterfüllung all die guten Gefühle und Gedanken, deren sie einst fähig gewesen war, langsam aber beständig zerstört hatte.
Doch nun konnte sie endlich ihren Zustand annehmen. Konnte ihm einen Namen geben, denn er war nicht mehr ein bodenloses Etwas. Nein, der Boden des tiefen Brunnens war erreicht und das scheinbar endlose Bemühen an den glitschigen Wänden hochzuklettern oder wenigstens daran Halt zu finden, war der Tatsache der Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens gewichen. Endstation!
O ja, es hatte hin und wieder Zeiten gegeben, wo sich das Leben von einer recht erträglichen, ja bisweilen fast glücklichen Seite gezeigt hatte. Doch stets, wenn sie diese Seite erfreut zu genießen versucht hatte, waren sogleich am Horizont Gewitterwolken aufgezogen um die helle Sonne zu verdunkeln. In immer kürzeren Abständen hatte sich diese Dunkelheit ihrer bemächtigt und sie in die Tiefe gezogen, von wo der Kampf des Aufstiegs hinauf zum Licht erneut begann. Nie hätte sie gedacht, dass sich dieses vielschichtige Gefühl der Hilf - und Ausweglosigkeit in eine fast heitere Gelassenheit verwandeln könnte. Sie, die ihr ganzes Sein zuletzt nur noch als mühsame Last empfunden hatte, verspürte in diesen Minuten eine befreiende Gewissheit.
Die Gewissheit, dass es zu Ende war.
Diese Endgültigkeit erschreckte sie in keiner Weise.
Ihr ganzes Leben lang war ihr jede Art von bewusst zugelassener Halbherzigkeit verhasst gewesen. Dennoch waren die letzten Jahre bestimmt von Verdrängung und Schein. Anfangs aufbegehrend, dann müde werdend, hatte sie mehr und mehr zulassen müssen, dass Halbheiten entstanden waren. Immer wieder war die Hoffnung in ihr aufgekeimt, dass von irgendwo Hilfe kommen würde, denn ihre eigene Kraft hatte sie schon längst verlassen. Kraft, die sie benötigt hätte, um sich den Unzulänglichkeiten des Leben zu stellen und zu lernen, mit ihnen richtig umzugehen. Von ihrer Umgebung unbemerkt, hatte sie sich mit ihrem restlichen Sein in die Welt ihrer eigenen Worte und Empfindungen geflüchtet. Zu spät, viel zu spät, wusste sie nun, dass sie die Gestaltung ihres Lebens früher in die Hand hätte nehmen müssen, damals - als die Kraft noch nicht der Müdigkeit gewichen war.
Sie lächelte wehmütig, als sie an den Spruch dachte, den sie gestern auf einer Karte gelesen hatte:
Zwischen ZU FRÜH und ZU SPÄT liegt nur ein Augenblick!