Ein Lied in Moll

2. Preis beim Schreibwettbewerb zum Thema
„Rosenduft u. Wolkenbruch“
des Bildungs-& Heimatwerkes NÖ Groß Enzersdorf

Ein Lied in Moll

Glasklar drang es in ihr Bewusstsein, dass niemand ihr würde helfen können. Sie war tatsächlich allein!

Von einer Sekunde zur anderen kam diese Erkenntnis und versetzte sie in Erstaunen. Gleichzeitig überflutete sie eine eigenartige Ruhe, die sich wellenartig bis in die kleinste Zelle fortpflanzte. Plötzlich sah sie mit einer inneren Klarheit, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt eine jahrelange Sehnsucht nach Beständigkeit und Harmonie in sich getragen hatte. Eine Sehnsucht, deren Nichterfüllung all die guten Gefühle und Gedanken, deren sie einst fähig gewesen war, langsam aber beständig zerstört hatte.

Doch nun konnte sie endlich ihren Zustand annehmen. Konnte ihm einen Namen geben, denn er war nicht mehr ein bodenloses Etwas. Nein, der Boden des tiefen Brunnens war erreicht und das scheinbar endlose Bemühen an den glitschigen Wänden hochzuklettern oder wenigstens daran Halt zu finden, war der Tatsache der Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens gewichen. Endstation!

O ja, es hatte hin und wieder Zeiten gegeben, wo sich das Leben von einer recht erträglichen, ja bisweilen fast glücklichen Seite gezeigt hatte. Doch stets, wenn sie diese Seite erfreut zu genießen versucht hatte, waren sogleich am Horizont Gewitterwolken aufgezogen um die helle Sonne zu verdunkeln. In immer kürzeren Abständen hatte sich diese Dunkelheit ihrer bemächtigt und sie in die Tiefe gezogen, von wo der Kampf des Aufstiegs hinauf zum Licht erneut begann. Nie hätte sie gedacht, dass sich dieses vielschichtige Gefühl der Hilf - und Ausweglosigkeit in eine fast heitere Gelassenheit verwandeln könnte. Sie, die ihr ganzes Sein zuletzt nur noch als mühsame Last empfunden hatte, verspürte in diesen Minuten eine befreiende Gewissheit.

Die Gewissheit, dass es zu Ende war.

Diese Endgültigkeit erschreckte sie in keiner Weise.

Ihr ganzes Leben lang war ihr jede Art von bewusst zugelassener Halbherzigkeit verhasst gewesen. Dennoch waren die letzten Jahre bestimmt von Verdrängung und Schein. Anfangs aufbegehrend, dann müde werdend, hatte sie mehr und mehr zulassen müssen, dass Halbheiten entstanden waren. Immer wieder war die Hoffnung in ihr aufgekeimt, dass von irgendwo Hilfe kommen würde, denn ihre eigene Kraft hatte sie schon längst verlassen. Kraft, die sie benötigt hätte, um sich den Unzulänglichkeiten des Leben zu stellen und zu lernen, mit ihnen richtig umzugehen. Von ihrer Umgebung unbemerkt, hatte sie sich mit ihrem restlichen Sein in die Welt ihrer eigenen Worte und Empfindungen geflüchtet. Zu spät, viel zu spät, wusste sie nun, dass sie die Gestaltung ihres Lebens früher in die Hand hätte nehmen müssen, damals - als die Kraft noch nicht der Müdigkeit gewichen war.

Sie lächelte wehmütig, als sie an den Spruch dachte, den sie gestern auf einer Karte gelesen hatte:

Zwischen ZU FRÜH und ZU SPÄT liegt nur ein Augenblick!

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Die zwei Brüder stehen nebeneinander, während der Chor ein Lied in Moll anstimmt. Der Ältere senkt langsam den Kopf und schiebt dann verstohlen den linken Ärmel seines schwarzen Anzugs ein wenig hoch, um auf seine Uhr zu sehen. Dabei fällt ihm blitzartig ein, dass er sein Handy nicht abgestellt hat. Peinlich, falls es zu klingeln beginnen würde!

Sein Bruder blickt auf die roten Rosen, die auf dem hellen Holz des Sarges liegen und in der Schwüle des heißen Sommertages schon ein wenig zu welken beginnen. Er versucht angestrengt, sich das Gesicht der Mutter vorzustellen. Es gelingt ihm erst, als er an das Zimmer denkt, wo sie die letzte Zeit vor ihrem Tod viele Stunden verbracht hatte. Ob ihm der Vater das Zimmer überlassen wird? Dann hätte er ein eigenes Arbeitszimmer! Entsetzt über seine Gedanken, räuspert er sich verlegen und glättet gleichzeitig die schwarzglänzende Satinschleife, die um die rote Rose geschlungen ist, die er in der Hand hält, um sie später der Mutter ins Grab nachzuwerfen.

Unmittelbar hinter den Söhnen steht etwas gebeugt deren Vater. Er fährt sich mit einem Taschentuch über die Augen und schnippt dann mit zwei Fingern gedankenverloren ein Staubkörnchen von seiner dunklen Hose. Irgendwann in der nächsten Zeit wird er den Namen der Frau in Gold auf den Stein schreiben und die schon etwas verblassten Inschriften mit den Namen ihrer Eltern nachziehen lassen.

Als später im Gasthaus das Essen aufgetragen wird, verdunkelt sich der Himmel und wolkenbruchartig setzt heftiger Regen ein. „Schau, sogar der Himmel weint!“ versucht ihn eine Tante zu trösten. Müde folgen seine Augen dem Lauf der Regentropfen, die der Wind an die Fensterscheiben peitscht.

Ein süßer Duft lenkt seine Blicke unwillkürlich auf die roten Rosen, mit denen die Wirtin die Tische geschmückt hat.

Im stillen nimmt er sich vor, seiner Frau oft frische Rosen aufs Grab zu bringen. Sie hat Rosen so geliebt. Ich hätte ihr öfter welche bringen sollen, denkt er.

Früher, als es noch nicht zu spät war...

© Gaby Eder